25.06.2017
deutsch: kritiken / interviews, News

FLÜCHTEN ODER STANDHALTEN? – Aurora´s Redlines – ein Tanzstück für die Alarmgesellschaft – von Tanzwerke Vanek Preuß – Nachtkritik von Klaus Keil

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

 

 

FLÜCHTEN ODER STANDHALTEN?

 

Aurora´s Redlines

– ein Tanzstück für die Alarmgesellschaft -

von Tanzwerke Vanek Preuß

Premiere in der Brotfabrik Bonn am 22.06.2017

 

 

Nachtkritik von KLAUS KEIL

 

HIER GEHT ES ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN

 

 

Was ist Rot? Schon klar, eine Farbe. Aber Rot ist mehr. Rot hat immer schon und in allen Kulturen auch eine symbolische Bedeutung, die bis in den Alltag hinein reicht und sich dort mit der realen Bedeutung vermischt. So steht Rot für Energie, Leidenschaft und Liebe (rote Rosen), wird aber auch als Rotlicht ganz praktisch zu Heilzwecken verwendet.

 

Doch Rot schafft auch negative Assoziationen. Da sieht jemand Rot oder jemand wird rot vor Wut. Rot signalisiert Gefahr. Die reicht bis zum berühmten Roten Knopf, der, einmal gedrückt, die Apokalypse der Menschheit hervorrufen kann. Damit es nicht so weit kommt, werden rote Linien gezogen. Besonders Barack Obamas Redlines sind weltberühmt, da er sie immer weiter verschoben – und damit wertlos gemacht hat.

 

Wenn sich jetzt die Bonner „Tanzwerke Vanek Preuß“ an die Inszenierung roter Linien machen und dieses Tanzstück der „Alarmgesellschaft“ widmen, zeigen schon diese beiden Einlassungen, dass ihre Gesellschaftssicht von Abgrenzungen á la Roter Linien gar nichts hält und wir vom Daueralarm Gestressten wieder zurück kehren sollten zur positiven Urkraft des Lebens. Deren rätselhafte Widerständigkeit, so Guido Preuß, lässt uns allem Alarm zum Trotz immer wieder neu beginnen.

 

 

©TANZweb.org_Klaus Dilger

 

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Diesen Gedanken der permanenten Beständigkeit dieses Gesellschaftsmodells setzen Vanek Preuß auf eine geradezu grandiose Weise in ihrem Tanzstück „Auroras Redlines“ um. Langsam ansteigend legt sich Morgenröte über den gesamten Bühnenraum. Aurora erwacht.

 

Auch wenn sie für das Stück titelgebend ist, bestimmt gleich nur noch ihre große Schwester Sol, die Sonne, mit brandheißem Rot die Szenerie. Der Lichtdesigner Florian Hoffmann schafft mit wechselndem Front- und Seitenlicht, mit blutroten Lichtbatterien im Background, gezielten Spots und abgestimmter Rotdämmerung einen variablen Lichtraum von Rot, der jeglichen Gedanken einer Redline im Nichts verschwinden lässt. Damit trägt er wesentlich zum Gelingen der Inszenierung bei. Übrigens ebenso wie die an- und abschwellenden Musikeinspielungen von Cio dór, Empty Set und Morton Feldman, die Karel Vanek für den Soundscape vermischt.

 

Durchgängig aber wird die Szenerie vom Meeresrauschen und je nach szenischem Moment schwächer oder stärker ausgeprägter Brandung von Pacific Oceans hinterlegt. Damit erweckt die Inszenierung den Eindruck eines, ich nenne es mal: choreografischen Biotops, in dem die negativen Rot-Assoziationen allesamt aufgehoben sind. Hier wird Standhalten signalisiert. Den anschaulichsten Beitrag zu diesem Standhalten bringen natürlich die drei Tänzer Guido Preuß, Karel Vanek und vor allem Tobias Weikamp ein, der in einem grandiosen Solo die Elastizität des Körpers auf eine faszinierend künstlerische Weise ausschöpft.

 

 

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Anfangs erscheinen in der ansteigenden Morgenröte nach und nach die Umrisse einer Masse, die sich erst bei fortschreitender Bewegung als Körperfragmente zeigen. Halb liegend, sich auf den Schultern abstützend beginnen die Körper, sich zu dehnen, zu strecken, die Position zu verändern, um die Körper zum Schluss, nur auf den Schultern stehend, wie mahnende Kerzen im Raum stehen zu lassen. Das ist sichtbar mit einer ungeheuren Kraftanstrengung verbunden, die von den Dreien (auch bei späteren Figuren) mit einer bewundernswerten ästhetischen Eleganz des Körpers verbunden wird.

 

Bis auf einen Tanzslip sind die Tänzer nackt. Getanzt, oder besser: performt wird durchgängig in slow motion. Das erfordert schon die geniale Körper-Choreografie, die die Tänzer mit ihren langsamen Verformungen des Körpers und der Gliedmaßen teils wie amphibische Wesen oder Insekten aus den Anfängen der Erdgeschichte wirken lässt, einer Zeit, in der nur die Evolution Redlines schrieb. Tanzwerke Vanek Preuß schreiben mit ihrer Inszenierung die Tanzgeschichte fort. Ihr konzeptuelles Vorgehen erinnert an den Klassiker des zeitgenössischen Tanzes, Xavier Le Roy, der 1998 mit seinem Solo Self unfinished die Metamorphose des Körpers als Forschungsgegenstand thematisierte. Diese Phase der Körperanalyse ist längst Tanzgeschichte. Zwanzig Jahre später gehen die Tanzwerke Vanek Preuß weit darüber hinaus. Ihr choreografischer Körper ist Träger von Erfahrungen und Erinnerungen, die eine Flucht vor der eigenen Vergangenheit nicht zulassen. Standhalten ist ein Muss.

 

Erneut am 1. und 2.Juli in der Kölner TanzFaktur!

 

 

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25.06.2017
News

AURORA’S REDLINES von Tanzwerke Vanek Preuss

 

 

AURORA’S REDLINES

von Tanzwerke Vanek Preuss

 

 

von und mit Karel Vanek, Guido Preuss und Tobias Weikamp gestern IN DER BROTFABRIK BONN, begeisterte unseren Kritiker Klaus Keil – (Nachtkritik folgt heute Abend) -

HIER DIE VIDEOIMPRESSIONEN:

17.06.2017
deutsch: kritiken / interviews, News

Seelenspuk im Hotelzimmer – „Anima“ von Emanuele Soavi und Meritxell Aumedes Molinero im Kölner Midtown Hotel – Nachtkritik von Nicole Strecker

 

Seelenspuk im Hotelzimmer

 

„Anima“ von Emanuele Soavi und Meritxell Aumedes Molinero im Kölner Midtown Hotel

 

 

Nachtkritik von Nicole Strecker

 

 

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Seltsamer Spuk: Vorhänge flattern als husche eine Schar Geister hindurch. In einem kleinen stickigen Hotelzimmer zeigt der Fernsehbildschirm nicht etwa ein gemütliches Fake-Feuerchen oder einen Willkommensgruß, sondern einen Mann, der sich offenbar in einer mit grau-schlickigem Wasser gefüllten Badewanne ertränken möchte. Und in einem anderen Zimmer liegt eine Frau wie tot auf einem Bett, halbnackt, die Brüste mit Verbandsmull umwickelt. Im frisch renovierten, aber noch nicht offiziell eröffneten Midtown Hotel mitten auf den Kölner Ringen hausen derzeit uralte Seelen und durchleben mehrmals am Abend den ewigen Schmerz des gebrochenen Herzens.

 

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„Anima“, so der Titel der neuen Produktion von Choreograf Emanuele Soavi, führt die Zuschauer durch mehrere Zimmer, Flure und Etagen des Hotels. Dort begegnen sie surrealen Filmbildern, Installationen und den beiden Performern Soavi und Meritxell Aumedes Molinero, die in Tanzszenen die Tragik einer geheimnisvollen Beziehung offenbaren. Ein Horrortrip über die ewig menschliche Ahnung, dass es eben doch mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als die Schulweisheit sich träumt. Bedrückend intim und beunruhigend als wäre man in einem Albtraumfilm von David Lynch.

 

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Die experimentelle Performance ist Teil von Soavis Serie „The Habit Cycles“, in denen er die gleichberechtigte Kollaboration mit einem Künstlerkollegen sucht. So entstanden bereits Stücke mit der Tanztheater-Legende Susanne Linke, dem Kölner Theaterregisseur Daniel Schüßler und zuletzt mit dem renommierten Tanzfotografen Joris-Jan Bos. Dessen fantastische Dokumentationen von Emanuele Soavis Arbeiten sind derzeit in einer Ausstellung in der Kölner Galerie Freiraum zu sehen (noch bis zum 11. Juli) – auch das eine Initiative von Soavi, der mit ungebrochener Energie Stadttheater oder freie Theater bespielt, Kinderstücke und Soli für sich selbst entwickelt, eine Mythen-Trilogie choreografierte und nun: „Anima“, ein Site-specific-Projekt in einem halbfertigen Hotel, gemeinsam mit der spanischen Video- und Performance-Künstlerin Meritxell Aumedes Molinero.

 

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Zwei junge Frauen nehmen die Zuschauer in der Lobby in Empfang. Sie sind zwei ausnehmend charmante „Charon-Grazien“ schließlich gibt es schon im Mythos keinen Gang in Unter- und Zwischenwelten ohne einen Führer. Erste Station: Ein dunkles leeres Zimmer. Kabel ragen stachelig aus der Wand, Licht kommt nur von einem brummenden Projektor. Hier stehen sich Molinero und Soavi gegenüber und hauchen in ihre Handys als wollten sie die „Android“-Geräte beseelen. Überhaupt sind Smartphones das Medium der Wahl an diesem Abend. An allen Stationen liegen sie bereit und knistern, rauschen, rascheln vor sich hin als seien sie mit paranormalen Welten verbunden.

 

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Zunächst aber ist es der Atem der Performer, der dank Handy-Verstärkung mächtig durch das winzige Zimmer braust. Ein Video zeigt zwei Körper, Mann und Frau, die sich ein Outfit teilen. Ein Liebespaar? Eine Psychofantasie? Hände verknoten sich, rutschen erotisch auf Hüfthöhe. Sie ziehen sich den gemeinsam getragenen Rollkragenpullover über das Gesicht, winden sich im Stretchstoff als amorphe Gestalt wie einst Martha Graham in ihrem weltberühmten Trauersolo „Lamentation“, die schon damals durch das enge Schlauchgewand eine namenlose Qual illustrierte, die sich im Körper ausdehnt, ihn obsessiv besetzt, nicht aus der Haut kann. Und bald offenbart sich auch die rätselhafte Tragik dieses Paares.

 

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„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, dichtete Goethe, und meinte er noch die Zerrissenheit zwischen hellen und dunklen Mächten, so erzählen Molinero-Soavi nun von zwei Seelen, einer männlichen, einer weiblichen, die eins waren, doch getrennt wurden. Ab jetzt werden die Zuschauer in zwei Gruppen durch das Hotel geführt, begegnen mal Soavi, mal Molinero in gesonderten Zimmern und in grauenvoll verlorenen Zuständen.

 

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Im Zimmer des männlichen Tänzers sind die Vorhänge fest zugezogen, die Luft ist drückend-heiß, weiße Lilien in einer Vase verströmen süßlichen Duft. Soavi schlägt sich schmerzhaft hart auf die Brust bis ein leuchtend roter Fleck entsteht. Er zieht sich einen Chirurgenschürze über, entnimmt einer Kühlbox einen glänzenden Fleischklumpen, der wie ein Herz aussieht und näht mit gruselig dicken Nadeln einen Riss im Fleisch zusammen. Im engen Zimmer mischt sich der Geruch von Fleisch, Schweiß und Blumen, viel zu nah kommt man als Publikum dem Schmerzens-Wahnsinn dieses Mannes. Doch kaum hat man im Flur einmal durchgeatmet, führt  die verführerische ‘Fährfrau’ die Zuschauer in die nächste Hölle, zu Meritxell Aumedes Molinero.

 

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In ihrem Raum stehen überall in den Regalen Glasglocken mit Schmetterlingen auf Zweigen – eine morbides Setting, schließlich galt das Insekt schon in der Antike als Seele der Toten. Molinero zappelt auf dem Bett, ihr Körper bäumt sich auf als wolle ihre Schmetterlingsseele davonflattern. Am Ende ihrer kurzen intensiven Szene steht sie tatsächlich am geöffneten Fenster, auf ihrem nackten Rücken kleben zarte Schmetterlinge mit zitternden Flügeln als wollten sie ihren Leib in die Lüfte heben.

 

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So skurril die Idee zunächst scheint, ein Hotel zum Schauplatz einer Seelen-Performance zu machen, so großartig lösen Molinero/Soavi sie ein: In der Beengtheit  der Zimmer, den verwirrend ähnlich gestalteten Fluren mit ihren geräusche-schluckenden Teppichen, der halbdunkel-verwinkelten Architektur stellt sich tatsächlich bald das Gefühl ein, man habe sich in einem Gemälde von Edward Hopper verirrt. Und mit einem sensibel gesponnenen Gewebe aus alten Seelensymbolen, schwarzer Romantik und heutigem Mystery-Flair entsendet das Performer-Duo seine untoten „Anima“ wie auch seine Zuschauer in eine beunruhigende Transitzone – verloren zwischen Diesseits und Jenseits.

 

06.06.2017
News

Eine Sprache für das Leben finden. Start der Bewerbungsphase für den dritten Jahrgang des Pina Bausch Fellowship for Dance and Choreography.

©Sala Seddiki_Pina Bausch Foundation

 

 

 

PRESSEINFORMATION

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Eine Sprache für das Leben finden.

Start der Bewerbungsphase für den dritten Jahrgang des Pina Bausch Fellowship for Dance and Choreography.

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Vom 1. Juni bis zum 15. September 2017 können sich erneut Tänzerinnen und Tänzer sowie Choreografinnen und Choreografen aus aller Welt für das Pina Bausch Fellowship for Dance and Choreography 2018 bewerben.

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Das gemeinsam von der Kunststiftung NRW und der Pina Bausch Foundation entwickelte Stipendium ermöglicht es unter anderem, als Mitglied auf Zeit in einem Ensemble der Wahl neue tänzerische Ausdrucksweisen kennenzulernen oder sich mit der Arbeitsweise eines renommierten Choreografen bzw. einer Choreografin auseinanderzusetzen. In den letzten beiden Jahren haben sich über 400 Männer und Frauen beworben. Dabei reichte die Altersspanne von 18 bis über 60 Jahre. Eine Besonderheit, da das Stipendium hinsichtlich des Alters der Bewerberinnen und Bewerber keine Beschränkungen auferlegt.

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Ziel des Pina Bausch Fellowships ist es, die künstlerische Entwicklung von Tänzern und Choreografen zu beflügeln, das Erlernen neuer Ausdrucksformen zu ermöglichen und durch die Arbeit mit einem Kooperationspartner ihrer Wahl in intensive künstlerische Prozesse einzutauchen.

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Bewerbungen sind ab dem 1. Juni 2017 nur online unter fellowship.pinabausch.org möglich. Dort finden sich auch ausführliche Informationen zum Stipendienprogramm sowie Berichte der aktuellen „Fellows 2017“: Tänzer und Choreograf Antonio Ssebuuma aus Uganda, der nach Neuseeland reist, um am Dance Department der University of Auckland einen Perspektivwechsel zu unternehmen und Mohamed Yousry „Shika“ aus Ägypten, der mit der Choreografin Nora Chipaumire in New York an dem Konzept des „New African Body“ arbeitet.

07.03.2017
News