28.02.2016
deutsch: kritiken / interviews, News

FESTIVAL INTO THE FIELDS 2016 in “CREATURE” ZEIGEN GÁBOR VARGA UND JÓZSEF TREFELI “VERSPIELTE LUST AM JONGLIEREN” – Nachtkritik von Thomas Linden

FESTIVAL INTO THE FIELDS 2016

in “CREATURE” ZEIGEN  GÁBOR VARGA UND JÓZSEF TREFELI

 

VERSPIELTE LUST AM JONGLIEREN

MIT TRADIERTEN BEWEGUNGSMUSTERN

 

 

Lässt sich die Vergangenheit für die Gegenwart retten? Mit ihrer Produktion „Creature“ versucht das in der Schweiz lebende Duo József Trefeli und Gábor Varga dem Volkstanz eine Brücke in die Welt der zeitgenössischen Choreographie zu schlagen. Ihr Gastspiel im Rahmen des Internationalen Tanzfestivals „Into the Fields“ in Bonn zeigte vielversprechende Ansätze, gerade weil die beiden Tänzer nicht bei bloßer Rekonstruktion innehalten, sondern erfinderisch mit dem überkommenen Material umgehen.

 

Nachtkritik von Thomas Linden

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Der Zoll bereitete József Trefeli und Gábor Varga erhebliche Probleme als sie aus der Schweiz kommend in die Bundesrepublik einreisen wollten. Die Kostüme der beiden erregten den Argwohn der Beamten, da vermutet wurde, dass die beiden Tänzer Volkskunst aus der Schweiz verbotener Weise auszuführen gedachten. Tatsächlich handelt es sich um Kostüme, die aus vielen kleinen Textilteilen bestehen und von den beiden recycled worden waren. Poster des Opernhauses in Genf hatten die Tänzer zerschnitten und aus den Resten die sieben Kilo schweren Anzüge genäht, die den während der Karnevalszeit in Köln bekannten „Lappenmänner“ gleichen. Die beiden Tänzer wissen um die Kölner Verkleidung und weisen auf die Traditionen in Afrika, Australien, Ungarn und der Schweiz hin, die ähnliche Gestalten hervorgebracht haben.

 

 

 

„Fakelore“ nennen Trefeli und Varga ihre aus Versatzstücken diverser traditioneller Tänze konstruierte Choreographie „Creature“, die sie im Theater im Ballsaal im Rahmen des Tanzfestivals „Into the Fields“ zeigten. Die Verwirrung der Zöllner ist symptomatisch, denn Trefeli und Varga verwischen die Stilmittel ihrer eklektischen Choreographie. Da klopft man sich auf die Schenkel wie ein Schuhplattler, lässt die Peitschen knallen wie ein Pusztahirte oder tanzt um einen Stock wie es die Aborigines praktizieren.  Wobei die beiden in Genf und Lausanne arbeitenden Tänzer betonen, dass auch die benutzten Utensilien stets auf diverse Traditionen in den verschiedenen Erdteilen verweisen. Elemente aus Hirten- oder Kriegstänzen tauchen auf, und damit sich die puristische Wirkung der Körpergesten optimal entfalten kann, tanzen die beiden zunächst mit verhüllten Gesichtern. So wird jeder individuelle Ausdruck vermieden.

 

 

 

Gleichwohl verkneift sich das Duo nicht den humorvollen Ernst, mit dem die mitunter ohrenbetäubend lauten Geräusche der stampfenden Füße auf dem  Schwingboden krachen. Nicht ungebrochen soll die Vergangenheit der Tanztradition wieder Eingang in die Gegenwart finden. Vielmehr ist es ein Mix, geborgt aus unzähligen Quellen, der hier verarbeitet wird. Vergnüglich aber auch ein wenig beliebig mutet die Zusammenstellung an. So kann man sich denn auch nicht des Verdachts erwehren, dass Trefeli und Varga noch am Anfang des durchaus vielversprechenden Versuchs stehen, die folkloristischen Tänze mit ihren eigenwilligen Ausdrucksformen in unser Bewusstsein zu bringen. In der Musik haben ähnliche Versuche im Verlauf des 20. Jahrhunderts großartige Ergebnisse hervorgebracht. Trefeli und Varga müssen allerdings noch beweisen, wie ernsthaft sie ihr Experiment betreiben wollen. Der 40-minütigen Produktion in Bonn haftet noch eine sympathisch verspielte Lust am Jonglieren mit tradierten Bewegungsmustern an, die in ihrer Gesamtheit noch nicht vollkommen trägt. Viele Einzelteile ergeben noch keine Komposition. Eine dramaturgische Bearbeitung könnte der Produktion mehr Intensität verleihen. Erfreulich ist der unbefangene Umgang mit dem Material, die beiden erstarren nicht vor Ehrfurcht und ironisieren auf sympathische Weise die kanonisierten Bewegungsphrasen, aus denen sich die Folklore speist.

 

 

 

Andererseits bleibt der Respekt spürbar, mit dem das Duo der Überlieferung begegnet, in der gerade die Gemeinsamkeiten über Kontinente hinweg von den archaischen Ausdrucksformen zeugen, in denen Menschen sich ausdrücken und dabei die spezifischen Prägungen ihrer Kultur auch schon einmal hinter sich lassen. Nichts wird hier leichtfertig verlacht und doch nehmen sich Trefeli und Varga die Freiheit, ihr Material um eigene Varianten zu erweitern und die mitunter skurril anmutenden Verkleidungen in einem Vexierspiel zu verfremden. Sakrales und Profanes greifen dann auf erfrischende Weise ineinander und tragen dazu bei, in uns wieder die Neugierde auf die Tradition zu schüren. Tatsächlich war der Hunger des Publikums in Bonn nach Information so groß, dass die Besucher gleich auf ihren Stühlen sitzen blieben, um nach der Vorstellung mit den beiden Künstlern über ihre Arbeit sprechen zu können.