25.06.2016
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Nachtkritik des Tanztheaters „AtomHeartMother“ von bodytalk und der japanischen Performance-Gruppe Futome – “Fukushima für Touristen” Von KLAUS KEIL

 

   

 

 

Nachtkritik des Tanztheaters „AtomHeartMother“ von bodytalk und der japanischen Performance-Gruppe Futome

 

Fukushima für Touristen

 

Von KLAUS KEIL

 

 

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Kleine, aus Papiertaschentüchern gebastelte Püppchen sorgen in Japan nach altem Brauch für schönes Wetter oder Regen, je nachdem wie man sie aufstellt. Gleich zu Beginn des neuen Stückes „AtomHeartMother“ der Tanztheater-Compagnie bodytalk kann so jeder Zuschauer für gutes Wetter sorgen. Ein schöner Brauch, doch wirkungslos gegen radioaktiven Niederschlag, weshalb zum Schluss diese Puppen zwar zeremoniell eingesammelt, dann aber brachial mit dem Schlachtermesser zerstückelt werden.

 

 

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Mit ihrem neuen Stück treffen die Stadtstreicher von bodytalk wieder einmal treffsicher ins Schwarze. Diesmal sind sie also unterwegs in der Heimat ihrer Choreografin, der Tänzerin Yoshiko Waki, und das ausgerechnet in Fukushima, das mit seinem Super-GAU selbst Tschernobyl (trotz aller Unterschiede) in den Schatten stellt. „Wenn ich an meine Heimat denke, dann denke ich an Mother, Heart und Atom“, sagt die Tänzer-Choreografin Yoshiko Waki, „Japan als Darkside of the Moon.“ Getreu ihrer künstlerischen Devise, immer inhaltlich authentisch zu bleiben, haben sie ihre Kerntruppe wiederum verstärkt. Diesmal um Futome, einer japanischen Performance-Gruppe, die als Tänzerinnen, Tänzer, Performer, Sänger, diese Authentizität passgenau in das Stück einbringen („Fukushima ist Krebs“).

 

 

 

Die Tugend der Duldsamkeit hat in Japan lange den Widerstand gegen die Atomkraft verhindert. Einen wunderbar ins Komische verzerrten Eindruck davon bekommt man gleich eingangs, wenn die belgische Aktivistin Charlotte Goesaert die japanischen Performer zu Sprechchören motivieren möchte und statt eines lauten `Nein´ nur ein klägliches `no´ erntet. Charlotte wird in dieser Inszenierung noch öfters gekonnt den Agent provocateur spielen, eine Rolle, die ihr hier auf den Leib geschrieben ist.

 

 

 

Auch wenn man weder die japanische Begrüßung oder die japanischen Song-Texte versteht, weiß man schnell worum es geht, denn die Performance-Freaks von Futome bringen ihr Anliegen auch gestisch und szenisch verständlich rüber. Bodytalk und Futome ergänzen sich auf der Bühne großartig, es scheint als wären beide aus dem gleichen Holz geschnitzt. Sie sind laut, sie sind frech, drastisch und feinsinnig zugleich und verfügen über eine gehörige Portion Humor. Etwa wenn sich zwei dralle Tänzerinnen wie Sumoringer gebärden und synchron auf den Boden stampfen. Nuklear aufgeladen werfen sie sich mit unbändiger Energie wild ins Thema und immer wieder auch auf den Boden, dessen Anziehungskraft sie nicht widerstehen können. Kulturell korrekt – oder vielleicht doch ein bißchen karikierend – verbeugen sie sich danach höflich. Dann wieder servieren sie japanische Spezialitäten, frisch aus Fukushima (!). Und auch ein Querschläger auf die aktuelle politische Lage fehlt nicht. „Ich bin auch ein Flüchtling“ sagt einer, „aber Fukushima gilt als sicheres Herkunftsland“.

 

 

 

Diese Melange von Tanz, Performance, Songs und szenischem Spiel wird begleitet vom krachenden Hard Rock von Carlos Alberto Szappanos und Lukas Zerbst am Schlagzeug, der auch für eine Live-Schaltung nach Fukushima inklusive Licht-Transfer von dort (!) direkt auf die Bühne der TanzFaktur in Köln-Deutz sorgt. Seine Installation eines phänomenalen Lichttunnels, so fragil wie der Kunstnebel, so klar umgrenzt durch das Licht, das im Nebel seine Linien zeichnet, lässt die Performer und Tänzer wie Schattenwesen erscheinen. Ein Raum entsteht, physisch erfahrbar und doch nicht existent. Wenn die Akteure von außen durch diese Lichtwand greifen, ergeben sich ganz frappierende Effekte. Körper scheinen in Auflösung begriffen, atomisiert. Mittendrin der Tänzer Seung Hwan Lee mit einem Solo ohne Begrenzung von Körper und Bewegung, mal schwebend, mal hyperrealistisch. Steht die Menschheit mit der Atomkraft an einer Schnittstelle ihrer eigenen Existenz? Das Stück gibt keine Antworten, aber Fragen ergeben sich danach viele. Das ist gut so.

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Weitere Vorstellungen: Samstag, 25.06. um 20 Uhr und Sonntag 26.06. – 18 Uhr TanzFaktur Deutz

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