15.07.2017
deutsch: kritiken / interviews, News

Politik, Sex und Zeitgeist – ein Beitrag von Nicole Strecker

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

 

 

 

Politik, Sex und Zeitgeist

 

von Nicole Strecker

 

 

Seit kurzem hat die Domstadt wenigstens teilzeitweise wieder eine Kompanie. Das „Ballet of Difference“ von Choreograf Richard Siegal. Am 14.Juli stellte sich das Ensemble der Vielfalt erstmals in Köln vor. „My Generation“ nennt Richard Siegal das dreiteilige Programm. Nicole Strecker hat den Choreografen vorab getroffen.

 

 

“Mich interessiert die Spannung zwischen den beiden englischen Worten ‘ballet’ und ‘difference’. Denn darum geht es bei dieser Kompanie: Die Unterschiede und Abweichungen zurück in die Ballettwelt zu bringen und zugleich: selbst einen Unterschied zu machen.”

 

So lautet das Credo von einem, der berühmt wurde als einer der verrücktesten, schnellsten Tänzer in der Kompanie von William Forsythe und der heute ein ebenso hochambitionierter wie hochgehandelter Choreograf ist: Richard Siegal.

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„Das ‘Ballet of Difference’ mit seinen sehr unterschiedlichen Menschen ist ein Symbol für eine Diversität, die nicht mit Angst und Unterdrückung verbunden ist. Denn wir sollten uns daran erinnern: Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Durchmischung, der Verwirbelung. Auch wenn es für viele Menschen im Moment nicht danach aussieht: Es ist ein guter Prozess, und daran will ich erinnern.“

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Und er will, wie Siegal sagt, mit seinem vor kurzem gegründeten „Ballet of Difference“ vor allem eines signalisieren: Freude und Optimismus. Konkret heißt das etwa: „Pop HD“ – so der Titel einer Neueinstudierung einer 2015 für die Cedar Lake Company in New York entstandenen Choreografie.

 

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

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Knallig bunte Kostüme, die Fahrrad-Trikots unterschiedlicher Nationalitäten ähneln. Tänzerinnen auf Spitzenschuhen, die aber supercool grooven und schwofen wie auf dem Dancefloor. Breakdance und Ballett, Ethnotänze, Voguing, akrobatische Hebefiguren. Alles, von der Klassik bis zur Clubkultur ist hier lässig miteinander verquirlt. Und das Sampling der Stile wird zum Abbild einer Gesellschaft, die von Hedonismus und Hysterie durchpulst ist. Das ist „My Generation“ für Richard Siegal.
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„Das ist es, was unsere Generation in gewisser Weise so großartig macht: Wir schließen keine Möglichkeit aus. Das Stück ist ironisch, aber zugleich lebendig. Es ist selbstkritisch, bunt und übertreibt einfach alles, die Energie, die Gier nach Mehr. Es ist wie in Musikvideos: Auch sie sind so eindeutig over-the-top, dass es schon wieder ironisch ist. Ich meine, nehmen Sie Paris Hilton – for goodness sake!2

 

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

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Weil seine achtjährige Tochter sich für die Popkultur begeistert, versucht auch Richard Siegal sie mit Kinderaugen zu betrachten. „Wie bezaubernd die Popkultur ist, wie scheinbar frei, wie völlig entfesselt diese Ikonen der Popkultur sich benehmen. Ich hinterfrage das sehr, eben weil es keinen Zweifel daran gibt, dass diese Mechanismen Generationen von Menschen antreiben.“

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Wer Richard Siegal einkauft, bekomme eine „Wundertüte“, meint Hanna Koller, Tanzkuratorin an den städtischen Bühnen Köln, die sich überraschend verpflichtet haben, in die Finanzierung von Siegals neuer Kompanie mit einzusteigen.
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„Für Köln finde ich Richard Siegal spannend, weil er sehr vielseitig ist, sehr technisch und sehr anspruchsvoll. Das ist wichtig innerhalb unserer Reihe der internationalen Tanzgastspiele, denn die haben das Kölner Publikum verwöhnt, so dass es ein gewisses Niveau erwartet.“

 

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

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Die Klage ist altbekannt: Seit Jahren hat Köln als einzige Großstadt keine eigene Kompanie mehr, sondern zeigt etwa zehnmal pro Spielzeit Produktionen von international tourenden Ensembles. Alle zweifellos hochkarätig und immer ausverkauft, weshalb das Gastspiel-Format den Kölnern auch erhalten bleibt. Aber durchreisende Künstler sind eben nichts, was in die Stadt hineinwirkt und auch nichts, was für den Tanz selbst Innovation ermöglicht. Jetzt beteiligen sich die beiden Städte München und Köln, außerdem das Land NRW und die Kulturstiftung des Bundes an der Finanzierung der zwischen beiden Städten pendelnden Kompanie. Hanna Koller:
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„Die Bühnen erhoffen sich, dass der Tanz wieder präsenter wird in Köln, dass die längerfristige Bindung an einen Choreografen auch nachhaltig wirkt – sie soll Modellcharakter haben.“
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Es ist das Modell einer von Institutionen weitgehend unabhängigen Kompanie, wie das erfolgreich etwa die William Forsythe Kompanie, Gauthier Dance oder Dance On, das Ensemble für reife Tänzer, praktizieren.

 

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

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„Es wird jetzt einen Austausch zwischen München und Köln geben – schließlich ist es eine geteilte Kompanie!“, verkündet jetzt Richard Siegal, der sich offenbar schon als Mittelsmann zwischen der bayrischen Schickeria und der Karnevalsstadt sieht. Die nächsten beiden Uraufführungen seines Ballet of Difference werden in Köln stattfinden, den allerersten Tanz aber bekam im Mai München: Ein dreiteiliges Programm unter dem Titel „My Generation“, das jetzt im Kölner Depot 1 gastiert. Darin auch das, wie Richard Siegal es nennt, „Signaturstück“ seiner neuen Kompanie. „BoD“, das Akronym für Ballet of Difference…

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…wenn der multiple Stilist Richard Siegal überhaupt ein Leitmotiv hat, dann das der Rebellion gegen die geschlechtsspezifische Fixierung.
Davon handelt auch die dritte Choreografie des Abends: „Excerpts of a Future Work on the Subject von Chelsea Manning“. Ein Auszug aus einem Stück über die amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning, die als ursprünglich männlicher Soldat Informationen an Wikileaks übermittelte und sich während ihrer Haftzeit einer Geschlechtsumwandlung unterzog.

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„Mich interessieren alle Formen der Befreiung von Unterdrückung – sei sie selbstgemacht oder fremdbestimmt“, sagt Siegal und will der brisanten Geschichte die Dramatik eines antiken Mythos geben, aber: ertränkt das starke Thema in Softpop-Gesäusel und Pathos. Das verstört, und zeigt doch auch Siegals risikofreudigen Anspruch: Das Ballett gleichermaßen politisch wie ästhetisch neu aufzuladen. Mit Sex und kritischem Zeitgeist und der Androgynität als politischer Kraft.

 

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”

©TANZweb.org_das Foto entstand bei den Bühnen-Proben zu “BoD”.

„Wir leben in einer außergewöhnlichen Zeit, schließlich wurde gerade die homosexuelle Ehe legalisiert. Wir erleben einen rasanten Wandel, eine tektonische Verschiebung in unseren Moralvorstellungen, während gleichzeitig der Pessimismus und die Angst vor Veränderung wächst. Diese Gegensätze zwischen konservativen und innovativen Dynamiken sind Triebkräfte – also genau das, was Bewegung erzeugt.“

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Der Text basiert auf einem Hörfunkbeitrag der Sendung „Mosaik“, WDR 3

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Unsere Nachtkritik zu „My Generation“, das am 14. Juli 2017 um 20 Uhr im Depot 1 im Schauspiel Köln aufgeführt wird, kommt ausnahmsweise einen Tag später und wird von Melanie Suchy stammen.